Das Post-it klebt noch auf Seite 145 im Buch Animals in translation von Temple Grandin. Es ist der Abschnitt über angstgetriebene Aggression. Das war Milo. Wenn er sich in die Enge gedrängt fühlte, konnte es für einen anderen Hund gefährlich werden. Konnte – wohlbemerkt – musste nicht. Beim letzten Vorfall, den ich mit Milo im Januar 2018 erlebte, wurde er an der Schnauze verbissen, und zwar von einem Border Collie.
In den beiden Jahren zuvor war es aber zu ein paar heiklen Situationen gekommen, bei denen Milo andere Hunde gebissen hatte. Aus der Panik heraus. Das erste Mal im Heuberg, als ich mit ihm dort spazieren war. Milo war mir abgehauen, vermutlich einer Munggä oder sonst einem spannenden Tier nachgegangen. Er war nicht abrufbar und ich hatte ihn aus den Augen verloren, weil er die Böschung hinunter zum Bach verschwunden war.
Als er wieder in Sichtweite kam, sah ich, wie es zu einem Gerangel mit Nachbars Golden Retriever Yala kam. Wir mir ihr Halter danach mitteilte, hatte Milo sie dabei ins Hinterteil gebissen. «Das ist nicht normal», sagte er trocken. Und er hatte damit Recht. Denn ein «normaler» Hund würde in einer solchen Situation nicht so fest zubeissen. (Es war nicht schlimm, aber es kam zu einer Perforation.)
Milo war offensichtlich in Panik geraten, vielleicht weil gemerkt hatte, dass auch er mich aus dem Blickfeld verloren hatte, was für ihn ein Problem darstellte, wie ich bei einer anderen Gelegenheit später feststellte. Er wollte wahrscheinlich zu mir zurück und Yala kam ihm vielleicht in die Quere. Ich weiss nur, dass nach diesem Zwischenfall Milo blindlings auf der Strasse zu mir her rannte. In der Aufregung merkte er gar nicht, dass ein Auto hinter ihm her fuhr.
Das war das erste Mal, dass ich merkte, dass Milo nicht wie andere Hunde ist.



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