Als Kommunikationsmensch liegt mir ein achtsamer Sprachgebrauch am Herzen. Als Halterin von Milo erhielt meine Skepsis Adjektiven gegenüber eine neue Dimension.
„Er ist ruhig, lieb und unsicher. Aber mit Futter bestechlich“, so ungefähr beschrieb mir die Mitarbeiterin des Tierheims Milo am Telefon. Da ich den American Staffordshire Terrier unbedingt aus dem Heim retten wollte, ehe er in falsche Hände gerät, dachte ich nicht länger darüber nach, was die Mitarbeiterin damit gemeint haben könnte. Ich verliess mich auf meine Vorstellung von unsicher, die da in etwa wäre: ängstlich, vorsichtig, zurückhaltend, vielleicht etwas misstrauisch. Und sowieso, Milo war ja vor allem ein lieber Hund und mit Futter bestechlich. Da konnte ja nichts schiefgehen.
Falsch gedacht. Milo ist zwar ein lieber Hund, im Sinne von: Im Haus und manchmal auch im Garten gehorcht er sehr gut, er lässt die Katzen des Hauses in Frieden, toleriert diese sogar in seinem Bettchen und er schnappt sich auch kein Brot mehr vom Tisch, wenn wir es versehentlich auf dem Tisch liegen lassen. Milo liebt nämlich Brot, wie auch Käse oder Cervelat, und er lässt sich mit diesen Leckerlis zu einem gewissen Grad steuern.
Trotzdem, in den bald vier Jahren mit Milo, durchlebte ich verschiedene Versionen von unsicher, und nicht alle wären mit Futter abwendbar gewesen.
Unsicher bedeutet bei Milo zum Beispiel, dass er im Vergleich zu anderen (normalen, lieben, souveränen) Hunden rascher in den Bereich von problematischem oder gefährlichem Verhalten gerät, sobald er sich bedroht fühlt oder Angst hat. Dies, weil Milo vermutlich aufgrund seiner Vorgeschichte, aber vielleicht auch aufgrund seiner Gene, weniger Ressourcen hat und deshalb schlechter mit belastenden Situationen umgehen kann. Meine letzte Hundetrainerin ging sogar soweit und sprach von einem Burn-out, das Hunde genauso gut treffen kann wie uns Menschen, wenn sie zu lange einem Dauerstress ausgesetzt waren.

Eine der grössten Bedrohungen für Milo sind Hunde, die unberechenbar, nicht unter Kontrolle sind – egal ob an der Leine oder nicht. Schaffe ich es nicht rechtzeitig, ihn aus seiner gefühlten Gefahrenzone herauszuführen, springt er in die Leine. Befinden wir uns oben an einem Hang, liegt Schnee oder Eis, stehen meine Karten am anderen Ende der Leine eher schlecht. Denn Milo hat sehr viel Kraft, die er in solchen Situationen auch voll einsetzt. Solche Situationen sind auch mit Futter nicht mehr zu retten, weil Milo nicht mehr ansprechbar oder eben bestechlich ist.
Unsicher ist aber auch, wie Milo im konkreten Fall tatsächlich reagiert. Sein Verhalten hängt nämlich nicht nur von der Situation ab, sondern auch von seiner Tagesform. Ist er gut drauf, entspannt oder gerade verärgert, müde, hungrig? Zwar bin ich bei Spaziergängen jeweils sehr darauf bedacht, dass er in Sicherheit ist und sich in Sicherheit fühlt. Trotzdem kann ich nie mit Sicherheit voraussagen, wie er reagieren wird, wenn es unverhofft zu einer Begegnung mit einem Hund kommt. Darum bin ich sehr vorsichtig, vorausschauend unterwegs und weiche aus, wenn ich kann.
Abgesehen davon, dass wahrscheinlich jeder seine eigene Vorstellung davon hat, was unsicher bedeutet, stört mich an diesen Adjektiv, dass es den Eindruck erweckt, dass es sich dabei um eine unumstössliche Wahrheit oder einen Wesenszug handelt. (Adjektive werden ja unter anderem auch Eigenschaftswörter genannt.)
Schnell geht einmal vergessen, dass es sich bei Bezeichnungen wie unsicher um Momentaufnahmen handelt und dass sie keineswegs einen Dauerzustand beschreiben.
Die wenigsten Hunde zeigen zu jeder Tageszeit und Situation unsicheres oder aggressives Verhalten. Wie gesagt bestimmen verschiedene Faktoren wie Herkunft, Vorgeschichte, Erfahrungen oder die Tagesform das Verhalten eines Hundes in einer konkreten Situation. Kommt hinzu, dass dieses Verhalten je nach Konstellation unterschiedlich stark ausgeprägt ist: Einmal springt ein Hund in die Leine und bellt, ein anderes Mal weicht er aus, ein drittes Mal beisst er vielleicht zu.
Ich würde sogar soweit gehen und Adjektive wie unsicher oder auch lieb als gefährlich bezeichnen. Denn sie greifen zu kurz und trüben dadurch den beobachtenden, (selbst)kritischen Blick der Hundehalter, mit zum Teil schmerzhaften Folgen für Mensch und Tier. Denn auch ein ganz lieber Hund kann unter Umständen gefährlich werden und zubeissen.
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