Als ich Chanel im Tierheim in Bellinzona im Zwinger erstmals begegnete, war für mich klar: Diese junge Hündin muss so rasch wie möglich aus dem Tierheim raus. Die ruhige Hündin litt sichtlich unter dem Stress, den das Leben in einem solchen Tierheim mit sich bringt. Und von Smokey kenne ich das nur zu gut: Wächst ein Hund in seinen Jugendjahren in einem ungünstigen Umfeld auf, so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er Verhaltensauffälligkeiten entwickelt, wie zum Beispiel eine leichte Erregbarkeit oder begrenzte Impulskontrolle.
Es war mir auch völlig klar, dass dieses Herzensprojekt zu einem absolut ungünstigen Moment kommt und die Voraussetzungen ziemlich herausfordernd sind. In einer idealen Welt hätte ich Chanel erst einmal Smokey vorgestellt, auf neutralem Grund, in grosser Distanz und den beiden Hunden die Möglichkeit gegeben, sich langsam anzunähern und kennenzulernen. Bevor sie bei uns einzieht. Denn Chanel wurde mir unter anderem als „reaktiv“ Hunden gegenüber beschrieben, was nichts Gutes vermuten liess. Nach Smokey hätte ich sie dann Urmi, ebenfalls auf neutralem Boden, vorgestellt, damit sie sich vorsichtig annähern können.


Smokey konnte Chanel zwar kennenlernen, aber das geschah am Gitter des Zwingers. Weil er wegen seiner Impulsivität zu rasch und zu frontal auf sie zugegangen war, hatte Chanel in der Tat auch nach einem kurzen Zögern mit Knurren und Bellen auf sein Vorpreschen reagiert. Smokey bellte zurück, denn er gibt immer zurück, wenn er angegriffen wird. (Er greift aber nicht von sich aus an.) Aber dann machte er etwas, das mich völlig überraschte: Er knickte mit den Vorderbeinen ein und machte den sogenannten Play Bow (oder Vorderkörpertiefstellung). Ich nahm ihn aus der Situation heraus und brachte ihn ins Auto, in den Kofferraum. Dort reklamierte er zunächst, als ich dann aber den Kofferraumdeckel öffnete, war er ruhig. (Smokey war mit der Leine am Geschirr am Trenngitter gesichert.)
Chanel betrachtete ihn aus dem Zwinger heraus. Sie schien mir nicht uninteressiert, und auch nicht sonderlich aggressiv gestimmt. Es bestand also Hoffnung.
Ich beschloss, eine Woche darauf Chanel nochmals einen Besuch ohne Hundebegleitung abzustatten. Damit ich sie ein bisschen besser beobachten und einschätzen kann.
Am Ende meines Besuchs liessen wir sie in den Kofferraum einsteigen, einfach um zu schauen, wie sie darauf reagiert. Sie lag längere Zeit neben mir und beobachtete die Schulklasse, die das Tierheim besuchte. Sie war ruhig, frass viele Leckerli aus meiner Hand. Irgendwann schloss sie sogar für einen kurzen Moment ihre Augen. Als die Betreuerin sie wieder ins Tierheim holen wollte, machte sie keine Anstalten, den Kofferraum zu verlassen. Mit einem Kalbsöhrchen gelang es dann aber, aus dem Kofferraum herauszulocken. Aber sie zeigte deutlich: Sie wollte nicht mehr zurück ins Tierheim.
Eine Woche später holte ich Chanel im Tierheim ab. Zuerst einmal in Pflege. Je nachdem, wie sich die Sache mit Smokey und Urmi entwickelt, sogar für immer.



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