Gegen Mittag kehrte ich von meiner kurzen Einkaufstour in Klosters zurück: Ich war im Fleischzentrum Hundefleisch, Pansen und Kausachen holen gegangen sowie ein Brot im Coop. Denn Marianna hatte noch keine Zeit gehabt, eines selbst zu backen. Milo hatte ich zu Hause gelassen, denn das „Hundeauto“ war bei Marianna.
Als ich nach Hause kam, trug ich das tiefgefrorene Hundefleisch zunächst in die Tiefkühltruhe im Keller. Dann erst ging ich ins Haus hoch. Ich wunderte mich noch, dass Milo mich nicht begrüssen kam, wie er es sonst immer tat. Das war sein Ritual: Zunächst abwarten und schauen, wer da kommt. Wenn es sich dabei in der Tat um Marianna oder mich handelte, dann rannte er im Haus herum, holte sich meistens irgendetwas, ein Stofftierchen, eine Socke, Finken, Handschuhe oder auch Unterhosen – was gerade in Reichweite lag – und rannte mit dem Objekt im Maul weiter.
Nicht so heute. Ich war auch nicht allzu lange weg gewesen, darum hat er meine Absenz vielleicht gar nicht so bemerkt. Auch gut, dachte ich.
Ich blickte in die Stube. Ein seltsames Bild: Milo lag auf dem Boden, an einem Ort, wo er sonst nie lag, zwischen dem Buffet und dem langen, schmalen Holztisch. Irgendetwas stimmte nicht. Ich sprach Milo an, er hob zwar den Kopf, liess ihn aber gleich wieder unkontrolliert auf den Boden fallen. Apathisch war er aber nicht, bei Bewusstsein auch und seine Atmung schien normal – eigentlich wie wenn er ruhig schläft. Aber irgendwie war der Tonus aus seinem Körper geschwunden.
Ich machte mir keine weiteren Gedanken, ging in die Küche. Ich las noch etwas online Zeitungen, dann machte ich ihm sein Zmittag und stellte den Napf auf den Boden. Milo machte keine Anstalten, aufzustehen. Normalerweise kam er sofort, wenn er das Geräusch hörte. Ausser wenn ihm schlecht war. Auch das kam ab und zu vor.
Wenig später kam Marianna nach Hause, und Milo machte wiederum keine Anstalten, sie zu begrüssen. Ich sagte ihr, dass Milo komisch sei. Sie ging sofort zu ihm, schaute ihn an und sagte sofort: „Er stirbt.“ Die Situation erinnerte sie an unsere erste Hündin Ranja, wie sie mit trüben, leeren Augen auf dem Rasen lag, nachdem sie an diesem unsäglichen Knochen erstickt war.
Ich konnte, wollte es nicht fassen.
Ich ging in die Küche, schnitt ein Stück Brot ab.
Nichts.
Normalerweise kam Milo von weit her gerannt, wenn er nur ansatzweise den Verdacht hatte, dass wir nun Brot essen.
Das war der Moment, als ich die Tierärztin anrief: „Wir haben einen Notfall.“ Sie sagte uns, wir sollen ihn sofort ins Auto packen und zu ihr bringen.
Zwei Stunden später war Milo tot. Die Tierärztin hatte nicht herausfinden können, was ihm fehlte. Sie stellte nur fest, dass sie kaum einen Herzschlag hörte, dass Zahnfleisch und Zunge blau waren, was auf Sauerstoffmangel hindeutete und dass er Untertemperatur hatte. Alle Versuche, ihn irgendwie zurückzuholen scheiterten: Wir hängten Milo in der Praxis an die Infusion, in der Hoffnung, dass sich sein Kreislauf stabilisiert. Und die Tierärztin gab Milo noch eine Adrenalinspritze. Nichts half. Er lag einfach da, mit seinen leeren Augen und machte keinen Wank.
Aber, er schien im Frieden zu sein.

Ich fragte die Tierärztin, ob es auch bei Hunden so etwas wie ein Wachkoma gäbe. Sie wusste es nicht.
Langsam begann ich zu begreifen, dass das wirklich das Ende ist. Ich streichelte, küsste Milos stachliges, gestromtes Fell, das für seine Verhältnisse unerwartet weich war. Seine hübschen Ohren und begann unter Tränen Abschied zu nehmen von meinem geliebten, treuen Wegbegleiter und Lehrmeister.
Milo stand noch einmal auf, erbrach die paar Spaghetti, die ich ihm wenige Stunden zuvor als Belohnung gegeben hatte, weil er so gut gehorcht hatte. Er hatte den Nachbarsbuben vom Kompost aus verbellt, ich rief ihn ab und er kam zu meinem Erstaunen sofort.
Sein Herz hatte einfach aufgehört zu pumpen. Darum dauerte es auch sehr lange, bis die Überdosis Narkosemittel ihre Wirkung im Körper entfalten konnte. Auch vom Todescocktail brauchte es eine sehr hohe Dosis, bis Milo endlich gehen konnte. Wir wollten ihn aber erlösen, bevor er Erstickungsanfälle und Panik bekommt. Er sollte in Frieden gehen können.
So blieben wir bei Milo, bis er sein letztes Bisschen Leben aushauchte.
Die Entscheidung
Als wir Milo auf eine Decke für den Transport hievten, sahen wir, dass ein perfektes Gaggi auf dem Boden lag. Milo hätte niemals ins Haus gemacht, wenn er seine Körperfunktion noch unter Kontrolle gehabt hätte. Unsere hoffnungsvolle Vorstellung ist deshalb, dass er eigentlich schon vorher tot war, aber nochmals gekommen war, um sich von uns zu verabschieden.
Woran gestorben ist, wissen wir natürlich nicht gesichert. Aber unsere Vermutung ist, dass er an Herzmuskelschwäche, dilatativer Kardiomyopathie, gestorben ist. Diese Krankheit entwickelt sich unbemerkt und führt oft zum Sekundentod. Das heisst, der Hund fällt zum Beispiel beim Spaziergang einfach so tot um. Vor einiger Zeit hatte ich in der Tierwelt einen Beitrag darüber geschrieben. Vor allem Dobermänner, aber auch Boxer sind von dieser genetisch übertragbaren Krankheit betroffen.


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