Gerade bei Hunden wie Milo, die unter Druck rasch in die Zone von problematischem Verhalten gelangen, ist Ressourcenmanagement ein vielversprechender Ansatz. Dieser bedingt aber auch ein Umdenken im Umgang mit Hunden.
Mit Ressourcen umschreibt man die Widerstandskraft, die ein Hund (oder ein Mensch) an den Tag legt, um eine belastende Situation auszuhalten und mit ihr umzugehen. Entsprechend konzentriert sich die Halterin beim Ressourcenmanagement darauf, mit geeigneten Aktivitäten und Praktiken die Ressourcen ihres Hundes aufzubauen.
Im Gegensatz zu gängigen Trainingsmethoden geht es beim Ressourcenmanagement nicht darum, einzelne problematische Verhaltensweisen abzutrainieren. Vielmehr werden allgemein die Ressourcen des Hundes aufgebaut, damit er Stress besser bewältigen kann.
Milo empfindet zum Beispiel Hunde bedrohlich, die nicht unter Kontrolle sind. Hat er die freie Wahl, geht er diesen aus dem Weg. Ist er aber in seinen Wahlmöglichkeiten eingeschränkt, geht er je nachdem nach vorne, was schon zu unangenehmen Zwischenfällen mit Zähnen geführt hat.
Anstatt alle mögliche Konstellationen von Hundebegegnungen zu üben, bin ich inzwischen dazu übergegangen, Hundebegegnungen einfach aus dem Weg zu gehen. Diese defensive Strategie kommt mir persönlich auch sehr entgegen. Denn obwohl ich sehr darauf bedacht bin, dass Milos Stresslevel tief ist, kann ich sowieso nie sicher sein, dass er bei einer Begegnung nicht doch nach vorne geht.
Deshalb wähle ich für unsere Spaziergänge Orte aus, wo ich den Überblick habe, respektive die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass es zu einer unliebsamen Begegnung mit einem Hund kommt, zum Beispiel im Wald jenseits der gängigen Wanderwege oder im Winter auf der Loipe bei uns vor dem Haus. Nur so können wir beide uns in Sicherheit fühlen und uns wirklich entspannen.
Ressourcenmanagement bedeutet auch ein Umdenken im Umgang mit unseren Hunden. Es gilt vor allem Abschied zu nehmen vom Leistungsdruck, den andere und wir uns selbst auferlegen.
Das ist und war für mich der schwierigste Teil am Ganzen. Denn auch ich hinterfrage mich ständig, ob Milo genügend ausgelastet ist und ob ihm nicht langweilig wird. Als verantwortungsbewusste Halterin will ich es ja möglichst gut machen. Mythen wie dass nur ein ausgepowerter Hund ein zufriedener Hund ist, sind da wenig hilfreich. Denn wenn ein Hund keinen Spass hat an den täglichen, langen Spaziergängen oder dem intensiven Aktivitätsprogramm über die Woche, bringen sie ihm auch nicht viel. Im Gegenteil, das kann sogar zu Burn-out bei Hunden führen.
Mit Milo habe ich die Erfahrung gemacht, dass es für uns beide viel erholsamer ist, wenn wir manchmal einfach ziellos eine halbe Stunde oder auch nur zwanzig Minuten durch den Wald, seiner Nase nach übers Moor oder die Loipe schlendern und er unbeschwert herumschnuppern oder nach Mäusen graben kann.
Am Ende des Tages ist es entscheidend, wie gut (lies: erholsam, entspannend) die Zeit war, die Milo und ich miteinander verbracht haben. Auch hier gilt: Qualität vor Quantität.
Ist es draussen aus irgendwelchen Gründen für Milo zu belastend (zu kalt, zu heiss, zu viele fremde Menschen mit Hunden unterwegs etc.), machen wir lieber im Garten einen einfachen Agility-Parcours oder ein Suchspiel. Oder wir bleiben im Haus, machen ein Versteckspiel, eine kleine Clickerübung und machen es uns auf dem Sofa gemütlich.
Und der Erfolg gibt uns Recht. Milo wirkt wesentlich entspannter als früher im Umgang mit Situationen, die für ihn belastend sind, wie zum Beispiel der Kaminfeger im Haus oder Nachbars Hund, der plötzlich hinter uns auf der Bergstrasse auftaucht.
Neulich stiess ich auf diese sehr erhellende Infografik von Lili Chin, die sie zusammen mit der Hundetrainerin Sarah Owings zusammengestellt hat. Sie half mir, meinen Umgang mit Milo noch einmal zu reflektieren und war auch die Hauptinspiration für den Beitrag oben.

Das hilft dem Hund Ressourcen auf- und Stress abzubauen:
- Typisches Hundeverhalten wie schnüffeln, kauen, Futter suchen, bellen, graben oder spielen
- Familienanschluss (Mensch oder Hunde)
- Bewegungs- und Wahlfreiheit
- Möglichkeit, Ergebnisse selbst zu beeinflussen und dafür belohnt zu werden
- Bedingungslose Zuneigung und Zuwendung
- Gute Gesundheit: Nahrhaftes Futter, keine Parasiten, keine Schmerzen
- Ein sicherer Ruheplatz
- Berechenbare Routinen und Interaktionen
Um Ressourcen aufbauen zu können ist es wichtig, dass der Hund sich körperlich wie auch seelisch in Sicherheit fühlt, Vertrauen in seine Bezugsperson hat und gewisse Freiheiten geniesst.
Da ich Milo nicht von der Leine lasse, gewähre ich ihm auf unseren Spaziergängen Freiheiten, solange diese weder ihn oder mich am anderen Ende der Leine irgendwie in Gefahr bringen.
Zu Hause und im Garten geniesst er mehr Freiheiten, zum Beispiel darf er schlafen, wo er will. Auf Spaziergängen, beim Parcours oder bei den Clickerübungen gebe ich Milo auch immer wieder die Raum, gute Entscheidungen zu treffen und belohne diese.
Das zehrt an den Ressourcen oder bedeutet Stress für den Hund:
- Einsamkeit, soziale Isolation
- Längere Zeit eingesperrt sein ohne anregende Aktivitäten
- Vernachlässigung: mangelhafte Ernährung, unbehandelte Krankheiten, Schmerzen
- Angsteinflössende oder unberechenbare Reaktionen von Hauptbezugspersonen
- Keine positive Bestärkung
- Reizüberflutung
- Unlösbare oder zu anspruchsvolle Aufgabenstellungen, unklare Anweisungen
- Bedürfnisse werden ignoriert
- Zu viel Kontrolle: Er darf nicht schnüffeln, essen, erkunden, bellen oder andere typische Hundesachen machen
Schmerz, unberechenbares Verhalten, unklare Anweisungen oder Überforderung bedeuten für den Hund Stress. Er fühlt sich nicht in Sicherheit und kann kein Vertrauen zu seinem Halter aufbauen.
Das ist eine zentrale Erkenntnis aus dieser Infografik. Gerade am Anfang habe ich diesbezüglich mit Milo grosse Fehler gemacht. Ungewollt habe ich zu früh zu viel von ihm verlangt, nachdem wir ihn aus dem Tierheim geholt hatten. So wollte ich bereits nach zwei Monaten mit ihm den Sachkundeausweis machen. (Da ist er wieder, meinLeistungsdruck!) Die Situation mit so vielen Hunden auf dem Platz überforderte ihn aber hoffnungslos, was er anschliessend mit Lähmungserscheinungen zeigte. So brach ich die Übung ab und begann noch einmal von vorne. Wir näherten uns Schritt für Schritt, ganz langsam über eine Zeitspanne von Wochen hinweg dem Trainingsplatz und den Hunden. Ein halbes Jahr später war Milo dann bereit für den Kurs und absolvierte diesen erfolgreich.
Ebenso zehren Aktivitäten an den Ressourcen, die dem Hund keine Freude bereiten und nicht seinen aktuellen Bedürfnissen entsprechen.

